Grundlagen, Ideen und Anfänge
Anna Lehnert wollte der wirtschaftlichen Not ihres neuen Wohn- und Arbeitsortes Schalkenmehren seit Beginn der 1920er Jahre etwas Sinnstiftendes entgegensetzen. Ihr eigenes (textil-)künstlerisches und (textil-)handwerkliches Talent traf mit dem besonderen Umstand zusammen, dass die Eifel insgesamt und so auch die Region um Schalkenmehren eine lange Tradition der Faserverarbeitung aufweisen konnte.
Über die Jahrhunderte hinweg war in der Eifel meistens genügend Rohstoff zur Faserverarbeitung angefallen, da auf vielen kargen Böden Schafbeweidung praktiziert oder Flachsanbau betrieben wurde. Die Weiterverarbeitung der Fasern erfolgte in der Regel "bodenständig". In kleinen Bauernbetrieben wurde der in der unmittelbaren Umgebung angebaute Flachs und Hanf sowie die Wolle der eigenen Schafe von der gesamten Familie aufbereitet, versponnen und gewebt. Dies geschah meistens in den Wintermonaten als sogenannte "Füllarbeit". Wenn das erarbeitete Material ("Grobtuche" aus Wolle und "Bauernleinen") den Eigenbedarf überstieg, wurde es beispielsweise auf den Märkten der Region veräußert. Manche Erzeuger lieferten ihre Produkte auch an Tuchfabriken ab, die in kleinen Eifelstädten (wie Monschau, Bad Münstereifel, Euskirchen, Adenau, Moselkern u.a.) angesiedelt waren. Zeitweise, so im 17. und 18. Jahrhundert, erlangte die Eifeler Tuchindustrie sogar internationale Bedeutung. Ab dem 19. Jh. kam es aber aus unterschiedlichen Gründen (billigere Konkurrenzprodukte wie z.B. Baumwolle, mangelhafte Logistik durch fehlende Weiterentwicklung der Infrastruktur) zum allmählichen wirtschaftlichen Niedergang. Von einer stetig nachlassenden Zahl alteingesessener Bauersfamilien wurde noch in den Wintermonaten in Heimarbeit für den Eigenbedarf gewebt.
Anna Lehnert wußte von dieser geschichtlichen Entwicklung und plante, Elemente davon aufzugreifen und wiederzubeleben. Sie wollte eine Initiative zur Selbsthilfe starten mit Hilfe der bäuerlichen Hausweberei, die ein zusätzliches Einkommen für die sehr arme Agrarbevölkerung gewährleisten sollte. Es ging nun also darum, erst einmal den "Bestand" zu eruieren: Wo gab es in Schalkenmehren noch Webstühle? Wer vermochte sie noch zu bedienen? Wer würde sich beteiligen?
Die Ideen der jungen Lehrerin wurden im Winter 1922/23 sowohl von offizieller als auch von privater Seite mit großer Skepsis betrachtet. Nur ein einziger Bauer, Nikolaus Schommers, der zudem auch Leinen weben konnte, zeigte sich sofort aufgeschlossen. Ihm folgten dann ganz allmählich weitere, und zwei Jahre später klapperten in den Schalkenmehrener Bauernhäusern bereits siebzehn Webstühle. Es wurde Leintuch und Tirtig (aus Leinen und Wolle bestehendes traditionelles Eifeler Tuch) gewebt. Der beachtliche Zuverdienst durch den Verkauf der Tuchware spornte die Weber zusätzlich an. Anna Lehnert hatte den Anfang gemacht!
Annas Muster
Anna Lehnert besuchte landesweit Fachkurse, um sich weiterzubilden und ihr Wissen anschließend weiterzugeben. Sie unterstützte und unterrichtete die Bauern und ihre Söhne beim Einrichten der Webstühle und beim Weben. Sie organisierte den Einkauf von Garnen und fehlenden Werkzeugen sowie den Vertrieb der gewebten Stoffe. Und vor allem: Sie entwarf Muster!
Die Muster ihrer Wahl sollten zeitgemäß und gediegen sein, einsetzbar sowohl für Bekleidung als auch für Wohntextilien. Das Material wurde weicher und leichter, da für die Kette statt des früher üblichen Leinengarns (z.B. beim "Tirtig") nun Baumwolle eingesetzt wurde. Die Eifeler Wolle im Schuss eignete sich bestens, die einfallsreichen, vielgestaltigen Musterungen zur Geltung zu bringen. Auch die Pflanzen, welche die Farben lieferten, stammten aus der Eifel, genauer gesagt, aus Schalkenmehren und der unmittelbaren Umgebung. Anna Lehnert machte sich selbst auf die Suche und sammelte Färbepflanzen, mit denen sie ausführlich experimentierte. Ihre gefärbten Wollproben spiegelten die Farben der Eifellandschaft wider und dienten der Färberei als Vorlage.
Annas wundervolle Muster entstanden zeitgleich zur Bauhaus-Ära. Zwar weit entfernt von Weimar oder Dessau in der Eifel beheimatet, wird Anna Lehnert möglicherweise auch vom zeitgenössischen Design-Geist der berühmten Kunstschule inspiriert gewesen sein. Die enge Freundschaft zu Pater Theodor Bogler (1897-1968), Bauhaus-Absolvent und berühmter Künstlermönch der benachbarten Abtei Maria Laach, läßt solche Zusammenhänge erahnen.
Auch der Austausch mit dem in Schalkenmehren lebenden, bekannten expressionistischen Maler Pitt Kreuzberg (1888-1966) war möglicherweise für Anna Lehnert künstlerisch anregend. Pitt Kreuzberg liebte genau wie sie die Natur und die Farben der Eifel und ließ beides in seine Kunst einfließen. So, wie es Anna Lehnert bei ihren textilen Design-Entwürfen tat.
Die beteiligten Weber zeigten sich begabt und machten schnelle Fortschritte, so dass bald anspruchsvollere Erzeugnisse produziert werden konnten. In den Jahren 1924 und 1925 war man bereits in der Lage, sich mit den Schalkenmehrener Tuchen an Gewerbeausstellungen in Köln und Trier zu beteiligen; eine in Trier erworbene Silbermedaille machte Mut, sich weiter zu engagieren. Bald stellten sich die Schalkenmehrener erfolgreich einer landesweiten preußischen Konkurrenz. Es zeigte sich aber zusehends, dass eine neue Organsations- und Rechtsform gefunden werden mußte, da Anna Lehnert allmählich nicht mehr die alleinige Verantwortung tragen konnte.
Die Genossenschaft
Im Dezember 1926 wurde nach einiger Planung von 19 Gründungsmitgliedern die "Heimweberei-Genossenschaft Schalkenmehren e.G." gegründet. Erste Vorsitzende war Anna Lehnert, Geschäftsführer wurde Johannes Droste. Fünf Jahre später, im Jahr 1931, war die Zahl der Mitglieder bereits auf 45 angewachsen.
Die Genossenschaft hatte sich zum Ziel gesetzt, "geschmacklich und handwerklich wertvolle Handgewebe in Heimarbeit herzustellen". Damit einhergehen sollte eine wirtschaftliche Besserstellung von Schalkenmehren und seinem Umland, einer Bindung der Bauersfamilien (und insbesondere der jungen Leute) an die "heimische Scholle". Nur landwirtschaftlich tätige Mitglieder durften somit die Heimarbeit leisten: das Kleinbauerntum sollte durch die Kombination beider Gewerke gestärkt werden.
An der Arbeit wurden fast alle Familienmitglieder beteiligt. Das körperlich anstrengende Weben wurde von den Männern übernommen. Die Frauen sponnen Flachs und Wolle und übten Fertigstellungsarbeiten wie Nähen, Smoken oder Knüpfen aus. Kinder drehten die benötigten Garnmengen an Spulrädern auf Spulen auf. Auch die Landwirtschaft veränderte sich, da wieder vermehrt Flachs angebaut wurde und die Schafhaltung an Rentabilität zunahm.
Als die Nachfrage stieg, kamen allmählich Spinnereien und Färbereien ins Spiel, denn nur so waren die hohen Garnmengen zu beschaffen. Die Genossenschaft organisierte die Auftragsannahme und die dazu passende Garnbestellung. Die Weber bekamen die genau abgewogenen Garne samt nötiger Angaben zu Bindung, Farbeinsatz und Musterung zur Hand (alle Muster wurden selbstredend von Anna Droste-Lehnert entworfen). Die fertigen Tuche wurden von der Genossenschaft verkauft und beworben. Sie zahlte daraufhin den Webern die anteiligen Löhne aus.
Um eine sehr hohe Qualität zu gewährleisten, die sich der harten Konkurrenz der Textilindustrie mit ihrer Massenproduktion entgegenstemmen konnte, wurden die gewebten Tuche einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen. Die Genossenschaft ließ ihre vielfältigen, einzigartigen Muster- und Farbgestaltungen durch einen gesetzlichen beantragten Musterschutz mit dem Siegel "Maartuch"® schützen; ein eindrucksvolles Emblem wurde eigens dazu entworfen. So war man gerüstet für den Vertrieb in ganz Deutschland.
Verdiente Mitglieder
Anna Lehnert hatte durchweg engagierte Mitstreiter um sich versammelt. Die häufig noch jungen, webenden Bauern vermochten ihre kreativen Vorgaben auf bewunderswerte Weise umzusetzen. In technischer Hinsicht kam ihr der gelernte Maschinenbauer Fritz Haupenthal (1905-1996), der ab 1927 die Geschäftsführung übernahm, zur Hilfe. Er baute die Webstühle in bedienungsfreundlicherer Weise um und entwarf sogar einen eigens auf die Genossenschaftszwecke zugeschnittenen Webstuhl, der den Webern im Bedarfsfall zur Verfügung gestellt wurde. Fritz Haupenthal war idealistisch und engagiert und blieb ein verantwortungsvoller Geschäftsführer bis zur Auflösung der Genossenschaft im Jahr 1983.
Krisen und Krieg
Die Weltwirtschaftskrise 1929 überstand die junge Heimweberei-Genossenschaft verhältnismäßig gut. Anna Lehnerts Konzept hatte sich in der Krisenzeit bewährt. Die Genossenschaft, die bisher auf engem Raum untergebracht war, plante ein eigenes, großzügig bemessenes Werkhaus mit Büro-, Arbeits- und Verkaufsräumen, das mit Darlehen und viel Eigenarbeit ab 1932 bezugsfertig wurde und bessere Möglichkeiten des Wirtschaftens bot.
Die Jahre ab 1933 wurden wegen der NS-Diktatur und der allgegenwärtigen Ausrichtung auf einen kommenden Krieg zu einer Herausforderung für die Genossenschaft. So wurde der Erwerb der importabhängigen Baumwolle beispielsweise zusehends schwieriger bis unmöglich. Nicht nur im Hinblick auf die Materialbeschaffung sah man harten Zeiten entgegen.
Die Einberufung der wehrpflichtigen jüngeren Heimweber, die teilweise noch knapp vorher ihre Meisterprüfungen bestanden hatten, machte eine weitere Produktion unmöglich und eine Stilllegung der Genossenschaft ab 1940 erforderlich.
Neubeginn, Wirtschaftswunder - und ... alles Geschichte
Nach 1945 war nichts mehr so wie vorher. Absatzmärkte, Infrastrukturen, Warenaustausch - alle für die stillgelegte Genossenschaft ehemals gültigen Wirtschaftsfaktoren waren weggebrochen, zerstört, nicht mehr existent. Man ließ jedoch nichts unversucht... Teppiche und Decken aus alten Stoffstreifen wurden ab 1946 hergestellt und Lohnarbeiten ausgeführt. 1948 nahm man an einer ersten Ausstellung in Trier teil und stellte fest, dass der Name "Maartuch" nichts von seinem guten Ruf und Reiz verloren hatte. Bald steigerten sich Produktion und Absatz, und der Kundenkreis wuchs wieder an. Während des Wirtschaftswunders kamen in zunehmendem Maße touristische Besucher nach Schalkenmehren, die sich für die Weberei-Erzeugnisse interessierten.
Die Nachkriegsentwicklungen bedeuteten jedoch auch, dass die Agrargesellschaft sich unabänderlich hin zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft bewegte. Junge Weber wanderten ab zur niederrheinischen Textilindustrie, Nachwuchskräfte waren für die Heimweberei nicht mehr zu finden. Mit dem allmählichen Verschwinden des Kleinbauerntums wurde der Genossenschaft die in ihren Statuten festgelegte, ursprüngliche Grundlage entzogen. Sie produzierte zwar mit immer weniger werdenen Webern noch bis zu Beginn der 1980er Jahre, gab dann aber endgültig auf. 1983 war die "Heimweberei-Genossenschaft Schalkenmehren eG" nach fast 6 Jahrzehnten des Bestehens nur noch Geschichte.
© project a:NaB / N.H.
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ANNAS MUSTER :
Ausstellungseröffnung am 17. Mai um 15 Uhr
Heimweberei-Museum Schalkenmehren
Mehrener Straße 5, 54552 Schalkenmehren
Öffnungszeiten: Sonntag 15 bis 17 Uhr
